Zitat der Woche 06/4

Achtung: dieser Eintrag ist nicht mehr aktuell!

Für noch etwas bekam ich, im Blick aus dem anfahrenden Zug nach hinten, Augen – für etwas, im Himmel über der Niemandsbucht, das anders war als sonst, und zwar nicht erst seit dem heutigen Tag, und ebenso für etwas, was darin fehlte, und auch das schon seit geraumer Zeit. Erst einmal hatten die wie üblich zahlreichen, in sämtlichen Richtungen den blauen Himmel querenden, allerwärts aufblinkenden Flugzeuge, mitsamt den, als gehöre das zum Sommer, besonders kurzen Kondensschweifen etwas so ungewohnt Friedliches, vielleicht auch indem sie so hoch flogen, daß mir bei ihrem Anblick das alte Wort »Luftschiffe« in den Sinn kam. Solche Friedlichkeit wirkte, wenn man sich die aktuelle Geschichte vergegenwärtigte, da, von der einen wie der anderen Seite, der »Krieg« erklärt war, umso erstaunlicher, bis mir aufging, daß, eben nicht erst seit gestern, von dem großen Militärflughafen, der hier an die Vorstadt grenzte, weder etwas zu hören noch zu sehen war, kein Hubschraubergeratter und -geknatter nah über den Dächern, kein jähes Hervorschießen der Jagdgeschwader wie direkt aus den Waldwipfeln. Der hiesige Luftraum, »unser Luftraum«, dachte ich unwillkürlich, war, bis auf die Verkehrsflugzeuge hoch oben in der Stratosphäre, leer. Wo waren alle die Militärflugzeuge hin, die Bomber, die Raketenwerfer? Klar: Sie waren näher an Paris stationiert, direkt an den Rändern der bedrohten Stadt gruppiert, im Kreis um die Metropole herum zusammen mit den Kampf- und Kriegsmaschinen anderer Militärflughäfen, dicht auf dicht. Bloß wo? An den Äußeren Boulevards? Getarnt unter den Grasböschungen der Stadtautobahnen? Bereit zum plötzlichen Senkrechtstart, oder wie man das nannte? – Worauf ich, während der Zug immer noch durch den Tunnel Richtung Val Fleury, das Blütental (oder so), fuhr, mit meinem strategischen Latein oder Kauderwelsch, bevor ich noch recht damit angefangen hatte, wieder am Ende war.


Text(aus: Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Berlin: Suhrkamp 2017, S. 90–92.)