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Auftritt eine, allein. Etwa in der Mitte der Szene stürmt ihr eine andere hinterher, schlägt ihr aus Leibeskräften mit der Tasche über den Kopf und ist auch schon wieder abgerannt. Der Dritte ist von der Seite, auf einem anderen Weg, dazugekommen und Zeuge geworden. Die Erste ist regungslos stehengeblieben. Der Dritte dann: »Es wird bald Krieg hier geben. Schon zu lange ist Frieden in dieser Erdgegend, viel zu lange. Und dieser Frieden ist bloß noch äußerlich. In Wirklichkeit, das heißt, im Innern, existiert er nicht mehr. Der jetzige Frieden ist ohne Essenz. Dieser Frieden ist faul. Ist verfault. Verfault wie ein Lebensmittel, das nur frisch bleiben kann durch tagtäglichen Gebrauch – unverbrauchbar durch den Gebrauch – und allein durch den Gebrauch, den intensiven! Friede, Lebensmittel der Lebensmittel, Brot aller Brote, bist wieder einmal verbraucht. Gebrauchszeit abgelaufen, für immer? Und warum? Weil es zum Beispiel den andern nicht mehr gibt. Der andre ist im Anderland, und Anderland... Aber vielleicht hat es den andern nie gegeben? Ist eines schönen Tages erfunden – aus der Luft gegriffen worden? Aber was für eine Erfindung! Oder nein: Erschaffung – die Zweite Schöpfung: der andere. Mein Anderer. Meine Anderen. Und jetzt ohne ihn? Schlag auf den Schädel, schlagt ein die Schädel. Man schämt sich inzwischen, Mensch zu sein. Das immerhin noch: Scham. Schämt man sich? So lange sind wir im Frieden dahingegangen. Noch nie so lange hier. Ohne Zwischenfälle. Ah, wir hätten ewig so dahingehen können.
(aus: Peter Handke: Spuren der Verirrten. Frankfurt: Suhrkamp 2006, S. 19f.)