Zitat der Woche 10/3

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Bei den anderen Kartenspielern handelte es sich um einen Priester, einen jüngeren Politiker, einen Maler und den Hausherrn. Sie saßen in der Bibliothek des Hauses, einem bis auf die Bücher fast leeren Raum mit einem Fußboden aus breiten Holzbrettern, deren Astkreise sich in dem Zigarrenrauch auf den ersten Blick zu bewegen schienen. Der helle Ahorntisch bildete, wie der Priester in der durch meinen Eintritt entstandenen Spielpause erklärte, mit den Beinen das »Andreaskreuz« nach, so benannt nach dem Apostel Andreas, welcher an einem X-förmigen Kreuz den Märtyrertod erlitten habe. Der Name »Andreas« –so heiße ja auch ich – sorgte für Gelächter und zugleich für den beiläufigen Übergang zum Mitspielen: als sei die Verspätung gar nicht gewesen, saß ich am Tisch und fächerte die Karten auf.

 


1983_DCS(aus: Peter Handke: Der Chinese des Schmerzes. Frankfurt: Suhrkamp 1983, S. 111.)

 

 

Peter Handke spielte in seinen Salzburger Jahren regelmäßig mit Freunden Tarock. Prälat Dr. Johannes Neuhardt zählte zu den ständigen Mitspielern. Er wurde in Handkes Erzählung "Der Chinese des Schmerzes" zum Vorbild für den Priester in der Tarockrunde, zu welcher der Held Andreas Loser geht. Neuhardt starb am 12. Oktober 2025 im Alter von 95 Jahren.