Zitat der Woche 09/5

Achtung: dieser Eintrag ist nicht mehr aktuell!

Und hier unterbreche ich diese Passage. Denn, nicht zum ersten Mal übrigens, es kommt mir fraglich vor, wenn ich den, der ich in der Vergangenheit war, »ich« nenne, nicht nur das Kind, sondern auch den erst vom letzten Jahr. Meine »Ich«-Unsicherheit ist gleich groß für alle die Jahre, und zwar bei fast sämtlichem, was ich tat, was mir angetan wurde und was mir zustieß. Es ist, als müßte ich mich in meinen Erinnerungen immer wieder unter Anführungszeichen setzen. »Ich« paßte auf meine drei Monate alte Schwester auf. »Ich« wurde überfallen. »Ich« wurde wiederbelebt. »Ich« hielt eine Rede. Eine Seltenheit jeder Moment, da ich mir fraglos bin, bekräftigt gar mit einem Ausrufezeichen. Da erwachte ich neben der toten Großmutter! Da ging ich mit dem Großvater angesichts der Regentropfen im Staub des Feldwegs! Da saß den Sommer und Herbst, schrieb, schaute zum Fenster hinaus ich! Da erblickte meinen Sohn ich! Da schwamm in der Mitte des Jahres in der Mitte des Flusses ich!– Bei den meisten Erlebnissen dagegen stockt es vor dem »Ich« und möchte auf ein anderes Wort ausweichen, findet nur keins. Es bleibt mir demnach nichts übrig, für das Subjekt meines Handelns und Leidens unterscheidungslos »ich« zu setzen, wie falsch es mir auch schmeckt.

 

 

1994_MJN(aus: Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten. Frankfurt: Suhrkamp, 1. Aufl. 2007 (1994), S. 120.)