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Und jäh, während Kobal so auf mich einredete, packte er mich um die Mitte, hob mich in die Höhe und sprach derart weiter: »Es ist wahr, du hast mich in diesen Tagen, ohne mich eigens darauf hinzuweisen, immer nur im Vorübergehen, wie zu Hause die Osterschwämme an den Baumstämmen sehen lassen, das Moos in den Hohlwegen, den fast gleichen Landbahnhof, die Frau mit der Waschrumpel, die Johannisbeer- oder Ribiselstauden mitten im Wald, die Busstation wie in Klagenfurt, die hölzerne Galerie mit den roten Geranien wie in Kobarid, den Erdkeller wie hinter meinem Rinkenberger Elternhaus. Aber es ist nicht hier. Das hier ist der Ersatz. Die Originale sind woanders und haben nun die längste Zeit auf dich gewartet. Von der Landschaft und den Leuten hier kannst du meinetwegen ein Tagebuch führen, auch eine Chronik. Aber sogar wenn du da noch einmal zwanzig Jahre absitzt und abgehst, wird nichts dir sich vertiefen hin zum Sagenhaften. Und das Sagenhafte, die Erdspaltenwelt, war deine Sache, von Anfang an. Ohne das Sagenhafte sind deine Bücher zwar vielleicht handlicher, umstandsloser. Aber sie sind nicht recht von dir, ergeben nicht einmal so recht ein Buch. […] Bis in das Mittelalter mußt du hierzulande zurückgehn, um die Märchenfarben und den Wind des Sagenhaften zu spüren, die du zu Hause auf Schritt und Tritt um die Stirn haben kannst. Du darfst nicht ohne ein Volk sein, gerade du nicht. Du bist nicht gemacht zum Berichterstatten, für die Rolle des unbeteiligten Außenstehenden. Bedenke, welche Wärme, und sei sie auch noch so selten gewesen, du von deinem Volk schon empfangen hast. Es gibt keine vergleichbare Wärme. Du bist deinem Volk ausgewichen, wieder und wieder, und jetzt bist du dabei, es zu verlieren. Gestern noch hat dich dort, als du heimkamst, einer begrüßt mit: ›Ein seltener!‹ Heute begrüßt dich landauf, landab niemand mehr. Du hast es durch deine Abwesenheit mit deinem Volk verscherzt, und an ein verstreutes Volk der Leser glaubst ja auch du längst nicht mehr. Bei der Milchstraße über der Jaunfeldebene, bei den Doppelzwiebeltürmen von Heiligengrab, bei der Bierbrauerei von Sorgendorf, bei den Kieferwäldern der Dobrawa immer noch voll von Eierschwämmen und der russischen Weite, beim Zug, der im Herbstnebel vorschießt wie mehrere Züge in einem, bei der Lehmkegelbahn frisch renoviert, beim Denkmal der Partisanen, bei der Form IHS im Scheunengiebel von Rinkolach, bei der Frau unterm Apfelbaum, bei den Fenstern der Bauernhäuser so niedrig, daß die Kinder beim Ein- und Ausgehen keine Tür brauchen, bei den verwelkten Ackerblumen in den Konservendosen in den Bildstöcken, bei den Manna-Eschen auf dem Liesnaberg auch ohne Wallfahrt da hinauf, bei der Eule am hellichten Tag im Rauchfang des Nachbarhauses: schließ, wenn es noch Zeit ist, dich wieder an an unsre gemeinsamen slawischen Litaneien, welche seit jeher dein Innerstes zum Beben brachten wie sonst nur die Psalmen, die Odyssee und die Glocken der Auferstehung.«
(aus: Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten. Frankfurt: Suhrkamp, 1. Aufl. 2007, S. 94-96.)