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Für Politik interessierte sie sich immer noch nicht: das, was sich so augenfällig abspielte, war für sie alles andere – eine Maskerade, eine UFA Wochenschau ("Große Aktualitätenschau – Zwei Tonwochen!"), ein weltlicher Kirchtag. "Politik" war doch etwas Unsinnliches, Abstraktes, also kein Kostümfest, kein Reigen, keine Trachtenkapelle, jedenfalls nichts, was SICHTBAR wurde. Wohin man schaute, Gepränge, und "Politik": war was? – ein Wort, das kein Begriff war, weil es einem schon in den Schulbüchern, wie alle politischen Begriffe, ohne jede Beziehung zu etwas Handgreiflichem, Reellem, eben nur als Merkwort oder, wenn bildhaft, dann als menschenloses Sinnbild eingetrichtert worden war: die Unterdrückung als Kette oder Stiefelabsatz, die Freiheit als Berggipfel, das Wirtschaftssystem als beruhigend rauchender Fabrikschlot und als Feierabendpfeife, und das Gesellschaftssystem als Stufenleiter mit "Kaiser –König – Edelmann / Bürger – Bauer – Leinenweber / Tischler – Bettler – Totengräber": ein Spiel, das im übrigen nur in den kinderreichen Familien der Bauern, Tischler und Leinenweber vollständig nachgespielt werden konnte.
(aus: Peter Handke: Wunschloses Unglück. Erzählung. Salzburg: Residenz 1972, S. 23f.)