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DER WILDE MANN: Und schon wieder ihr. Und schon wieder muß ich mit euch zusammen sein. Halleluja. Miserere. Ebbe ohne Flut. Ihr verdammten Unvermeidlichen. Wärt ihr wenigstens Übeltäter. Nichts da: ohne eine spezielle Übeltat seid ihr das Übel der Übel. Erlöse mich von eurem Übel. Mach mich die Leute da meiden. Einmal wenigstens, wenigstens für einen Augenblick. Himmlisch stelle ich mir den vor, himmlisch. Kaum aus dem Zimmer, muß ich schon mitten unter euch sein. Kaum aus der Tür getreten, bin ich gezwungen, mich in eurer Gesellschaft zu bewegen. In eurer Gesellschaft? In eurer Unnatur. Warum bin ich nicht hoch auf dem Mount McKinley statt mit euch in dieser stickigen Tiefe? Andererseits trete ihr ja auf dem Himalaya und in Alaska inzwischen noch geballter auf als hier im Untergrund. […] Es rüttelt mich, aber das kommt nicht vom Fahren. Es schaudert mich vor euch. Aber dieser Schauder ist nicht mehr, wie einst einmal, mein bester Teil. Ich stehe hier und kann nicht anders als mich vor eurer Gesellschaft de profundis zu ekeln, von der Station Alpha bis zur Station Omega. Purer Widerwille vor eurer aufgeplusterten Leibhaftigkeit. Pur? Vorher aussteigen? Kommt nicht in Frage. Ich bleibe mit euch Rauchkringelbläsern und Klickmausgestalten bis ans Ende der Linie, bis Barnet, Tetuan, Kumanovo, bis zur Via Flaminia, bis Jasnaja Poljana, bis Mar Girgis und Heluan, oder wie die Stationen auch heißen. Ich bleibe bei euch bis Mitternacht, Ostern, zur Baumwollernte, zum letzten Schnee. Denn immerhin keiner hier unten, den ich kenne. Immerhin kein bekanntes Gesicht. Wenigstens Unbekannte. Ich freue mich auf unsere Fahrt.
(aus: Peter Handke: Untertagblues. Ein Stationendrama. Frankfurt: Suhrkamp 2003, S. 10-13)