Zitat der Woche 08/1

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Und das Muster für die unsere Stadt besonders kennzeichnende Treulosigkeit ist hier die Festspielstiege: auf deren unterster Stufe wir gerade stehen; von der die Zuständigen schwärmen; und die in meinen Augen von allen Freitreppen der Welt diejenige ist, die einen solchen Namen am wenigsten verdient. Während ich bei ›Stiege‹ sonst denke: ›Luftigkeit‹, denke ich in diesem Fall: ›Flaute‹. Die Mulmigkeit der ganzen Stadt beginnt hier, mit dem oberen Stiegenabsatz. Auch auf der Festspieltreppe ist kein Platz. Fast niemand läßt sich da nieder. Höchstens drückt sich einer an die Eisenstange, die man statt eines Geländers in die Betonfassade gemauert hat, und verschnauft. Beim Abstieg rennen viele – beim Anstieg zählen viele, ob laut oder im stillen, die Stufen, wie bei der Erkletterung eines Turms. Die Hinabgehenden laufen, die Hinansteigenden schnaufen. Die Stapfen, geborstene Granitbarren, sind zu hoch, zu schmal und zu kurz; und die Schrittgeräusche sind da ein stumpfes Knallen oder Quietschen; und nebeneinander kann man da nur gehen, wenn niemand entgegenkommt; und geht man da nebeneinander, so werden, durch die Steilheit der Treppe, die Gespräche notgedrungen schrill und oft unterbrochen durch Gekeuch; und begegnet mir da mein bester Freund, erkennen wir einander kaum, so verzerrt erscheinen, durch den Höhenunterschied, unser beider Gesichter – oft nicht allein verzerrt, sondern, durch den flimmernden Zementfilm, geradezu weggeblendet – oder ich sehe vom andern überhaupt nur einen Schattenriß, weil er mir da gleichsam am Ende eines Tunnels begegnet: die Treppe schwingt sich ja nicht, als ein Bauwerk für sich, bergauf, sondern ist ein bloßer Begleitbau des Betons, der von ihr abschnittweise, eben in der Form von Tunnelschlüpfen, unterlaufen werden muß; und statt der Schwünge vollführt sie so Knicke, gefolgt von jähen Kurven, wo der Langsame sich ebenso unbeholfen bewegt wie der Renner. Jener Zwischenabsatz, welcher sonst auf den Treppen dazu da ist, daß man auf halber Höhe innehält und sich umblickt, befindet sich hier inmitten eines finsteren, modrigen Tunnelstücks, mit einer schwarzen Urinlache in dem einen Winkel und scheckigem Taubenkot in dem andern. Nein, keine Freitreppe ist das, sondern eine Gosse, und die aus Stein gehauene Zauberflöten-Schlange, unterwegs auf der Brüstung, ist keine Verzierung, sondern ein Gerümpel, wie auch der Hof, auf den die Gosse unten mündet, angefüllt mit Gerümpel ist, dem Festspielgerümpel und anderem. Und glauben Sie bitte nicht, mit meinem nächtlichen Zwischenrufen jetzt sei der Grenzfrevel abgetan. Ich werde –«  
Der Maler stockte und lachte: »Ja, was wer de ich? Was werden wir? Denn die Feinde entziehen sich meiner Feindschaft.«


1983_DCS(aus: Peter Handke: Der Chinese des Schmerzes. Frankfurt: Suhrkamp 1983, S. 145-147.)